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Block 2: Konzepte der Geographie

Wissenschaft prägt Welt- und Menschenbilder

In den frühen Anfängen der Wissenschaftsgeschichte wurden geographische Konzepte geprägt, die bis heute geographisches Wissen und Denken beeinflussen und den Grundstein für die koloniale Herrschaft legten. Mit dem Wandel der Zeit haben sich die Konzepte verändert, wurden weiterentwickelt oder verworfen. Sie sind jedoch selten frei von gesellschaftlichen und politischen Interessen und damit eng mit dem Konzept Macht verbunden. Auch befeuerten Arbeiten von Geograph:innen wie die von Friedrich Ratzel – der mit seinen Ausführungen zu Zusammenhängen von „Volk“ und „Boden“ die ideologische Grundlage für die nationalsozialistische Politik der 1930er und 40er Jahre legte – rassistische Menschenbilder und rassifizierte Einteilungen. Die Idee der hierarchisierenden Einteilung von der Menschheit in Gruppen entlang der Achse race stammt nicht aus der Geographie, wurde aber durch sie politisch handhabbar indem etwa bestimmte charakterliche Eigenschaften in Verbindung gebracht wurden mit klimatischen Bedingungen, denen Menschen in ihrer Umgebung ausgesetzt waren. Anhand dieser vermeintlichen Höher- bzw. Minderwertigkeit bestimmter Gruppen, konnten Diskriminierung, Ausbeutung und Vernichtung „wissenschaftlich“ legitimiert werden.


Eine Chronologie der Konzepte

Klicke dich chronologisch durch die Konzepte!



Western concepts of nature and landscape, and understanding of the relations between climate, race and disease, have also long been endowed with great moral significance.

Daniel Clayton, Gavin Bowd

Erklärung von welt in der Bildungsarbeit

Von Beginn an galt es als eine der zentralen Aufgaben in der Geographie, Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu betreiben. Bereits im 19. Jahrhundert verfassten Geograph:innen landeskundliche Schriften für den Schulunterricht und plädierten für die koloniale Jugendbildung. Ihre auf rassistischen Stereotype basierenden völkerkundlichen Studien prägten häufig die Vorstellung von Regionen, Ländern und Menschen auf der ganzen Welt. Diese Bilder brannten sich ein/ manifestierten sich in der Gesellschaft / in den Köpfen und werden bis heute in Publikationen, Rundfunk und Fernsehen reproduziert. Auch der Bedarf bestehende Konzepte didaktisch für den Erdkunde;- bzw. Geographieunterricht aufzuarbeiten besteht seit Gründung der Fachdisziplin Geographie. Ein gutes Beispiel hierfür liefert das von Albert Kolb entwickelte Kulturerdteilkonzept, dem ein traditionalistisches, eurozentristisches Weltbild zugrunde liegt. Zwar fand das Konzept der Kulturerdteile nach Albert Kolb zunächst wenig Beachtung, wurde jedoch in den 1980er-Jahren von Jürgen Newig aufgegriffen und für die didaktische Umsetzung im Geographieunterricht aufbereitet. Schon bald nach dessen Einführung beeinflusste es die Lehrpläne zahlreicher Bundesländer im Fach Geographie und damit die Unterrichtspraxis vieler Lehrkräfte.

Im Visier

KULTURERDTEILKONZEPT

Neben der Länder- und Landschaftskunde ist besonders das Konzept der Kulturerdteile mit Blick auf die Vermittlung vom Denken über Weltzusammenhänge und Weltordnung, wie es in Schulmaterialien auftaucht, maßgeblich für eine Europa-zentrierte Sichtweise im Geographieunterricht.
Das Kulturerdteilteilkonzept wurde 1962 von Kolb eingeführt. Es definiert – entlang der Raumforschung – zehn sogenannte Kulturerdteile und trifft Aussagen über Merkmale und Beschaffenheit dieser definierten Räume. Kolb verknüpfte in seinen konzeptionellen Ausführungen räumliche Kategorien und Landschaftselemente mit gesellschaftlichen, kulturellen und historischen Dimensionen, beschrieb die Verbindungen zwischen „Kultur“ und Raum jedoch sehr vage.


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Kleines Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die politischen Gegebenheiten in den geographischen Ansätzen, Denkrichtungen und Konzepten widerspiegeln. So lieferte Ratzels Lebensraumkonzept wichtige Impulse für die Legitimation expansiver, landnehmender Politiken wie etwa dem deutschen Kolonialismus, den Handlungen des 1. Weltkrieg und später der Blut und Boden Ideologie des Nationalsozialismus. Viele Geograph:innen stützten sich konzeptionell auf biologistische Sichtweisen, die wiederum der Politik als Rationalisierungs- und Rechtfertigungsgrundlage dienen konnten. Bemerkenswert daran ist nicht zuletzt die historisch oft ausgebliebenen oder nur marginalen Auseinandersetzungen mit Verquickungen von Fachgeschichte und unrühmlichen Kapiteln der deutschen Geschichte. Dazu zählt auch die Etablierung des Schulfachs Erdkunde im Zusammenhang mit der Reichsgründung 1871 als „patriotisches Gesinnungsfach“. Der geographische Unterricht sollte das Nationalgefühl stärken, politische Handlungen legitimieren und Weltzusammenhänge stark eindimensional erklärbar machen. Eine eindeutig eurozentristische Sichtweise, wie sie dem Kulturerdteil-Konzept von Jürgen Newig zugrunde liegt, prägt bis heute geographische Inhalte und Lehrmaterialien.

Das Icon zeigt eine Teekanne, aus der viele Konfetti herausspringen.

Reflexion

Dies ist ein Anreiz zur Reflexion.

Reflexionsaufgabe

Warst du dir über die historischen Begebenheiten und teils probelmatischen Theorien der „Gründerväter“ der Geographie bewusst? Bist du im Verlauf deines Studiums oder deiner Lehrpraxis darauf aufmerksam gemacht worden?

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